Institut für gerichtspsychologische Gutachten

Lösungsorientierte Gutachten

Der Terminus des „lösungsorientierten Gutachtens“ deckt eine ganze Reihe unterschiedlicher Strategien des sachverständigen Vorgehens ab. Für den mit einem bestimmten Familienverfahren befassten Richter erscheint es insoweit wünschenswert, über das jeweilige Vorgehen eines zu beauftragenden Sachverständigen informiert zu sein. Wie wird im Rahmen einer Begutachtung konkret mit dem Auftrag eines Hinwirken auf die „Herstellung von Einvernehmen zwischen den Beteiligten“ umgegangen, sofern ein solches Vorgehen vom Gericht (gemäß §163 FamFG) angeordnet wird?

In den letzten Jahren wurde von einigen familienrechtlich tätigen Kollegen mitunter nachdrücklich die Ansicht vertreten, in allen Fallkonstellationen sei ein ausschließlich lösungsorientierter Ansatz das Mittel der Wahl – gleichzeitig wurde eine sogenannte „statusorientierte Diagnostik“ nicht selten polarisiert abgewertet. Aus unserer Sicht neigt eineausschließliche Lösungsorientierung zu folgenden fachlichen und inhaltlichen Fehlerquellen:

  1. Jede lösungsorientierte Intervention bedarf einer fachlichen Basis, auf der sie geplant werden muss, um zielgenau sein zu können. Im Falle eines von Beginn an ausschließlich lösungsorientierten Vorgehens wird eine solche diagnostische Basis für ein dem Einzelfall angemessenes Handeln nicht oder nur ungenügend erhoben.
  2. Die Einbeziehung des Kindes in die Diagnostik wird vernachlässigt. Bloßes gutachterliches Konfliktmanagement auf der Erwachsenenebene umgeht die Chance und Notwendigkeit, wichtige Teile der kindlichen Welt kennenzulernen und zukünftige Lösungen daran auszurichten.
  3. Erst durch eine fachgerechte Diagnostik wird der Sachverständige in die Lage versetzt, von den Eltern als kompetenter Gesprächspartner akzeptiert zu werden. Dieses wird verstärkt durch sein Anliegen, durch vorgeschaltete Diagnostik dem jeweiligen Kind und damit dessen Kindeswohl eine Stimme in dem sodann folgenden Moderationsprozess zwischen den Eltern zu verleihen. Nicht jede von Elternteilen durch mediative Verfahren gefundene Betreuungs- oder Umgangsregelung entspricht den Bindungen, Wünschen und Bewältigungsressourcen eines Kindes.
  4. Wird ab Beginn der Begutachtung allein auf lösungsorientierte Gespräche gesetzt, kann es bei einem Scheitern dieses Ansatzes dann doch noch notwendig sein, eine Diagnostik gleichsam „nachzuschieben“, um dem Gericht eine Entscheidungsempfehlung unterbreiten zu können. Hier ergibt sich durch den Rollenwechsel des Sachverständigen vom „Familiencoach“ zum Vorbereiter einer gerichtlichen Entscheidung eine Verletzung des Transparenzgebots durch mögliche Rollenkonflikte. Durch Scheitern des Lösungsansatzes kann zudem die erst dann vom Sachverständigen durchgeführte Diagnostik ggfs. nicht mehr gänzlich unvoreingenommen abgewickelt werden – oder zumindest dieses von einer der Parteien befürchtet werden, wodurch Befangenheitsanträge ausgelöst und die Akzeptanz der schriftlichen Gutachten beeinträchtigt werden können.
  5. Nicht jede Konstellation – insbesondere in Hochkonfliktfamilien – ist durch Verhandlungsverfahren konstruktiv in Bewegung zu bringen. Bisher entstandene Belastungen des Kindeswohls oder eine das Konfliktgeschehen stark prägende Persönlichkeitsstruktur eines Elternteils oder beider Eltern können bedeutsame Rahmenbedingungen für das weitere Vorgehen sein. Zudem muss auch jeder Sachverständige mit Bescheidenheit feststellen, dass notwendige Interventionen den zeitlichen oder auch ökonomischen Rahmen eines Gutachtens sprengen können, ggfs. auch trotz aller Bemühungen der Widerstand der Beteiligten eher wächst als sich vermindert.

Zweiphasenmodell der Gutachtenerstellung

Aus den vorgenannten Erwägungen heraus ist die Konzentration auf eine ausschließliche „Lösungsorientierung“ in der Begutachtung aus rechtspsychologischer Sicht nicht angemessen. Es ist u. E. notwendig, zunächst eine Einzelfalldiagnostik durchzuführen und dabei insbesondere das Kind mit seinen jeweils individuellen Belastungen, Sorgen, aber auch Ressourcen und Willensbekundungen einzubeziehen. Es werden insoweit spezifische Problemkonstellationen auf Kind- und Elternebene sowie im familiensystemischen Kontext erfasst, um diese Erkenntnisse sodann im zweiten Schritt im Gespräch mit den Eltern (gemeinsam oder als „Pendel-Diplomatie“) einzubringen. Auf dieser Basis werden mit größerer Wahrscheinlichkeit im speziellen Einzelfall greifende Lösungsmöglichkeiten und konkrete Veränderungsschritte erarbeitet.

Falls diese zweite lösungsorientierte Gutachtenphase erfolgreich verläuft, wird dem Gericht lediglich eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und ggfs. Vereinbarungen vorgelegt, die von dort den Parteien und ihren Verfahrensbevollmächtigten zur Stellungnahme zugeleitet und ggfs. in einem gemeinsamen Gerichtstermin angepasst werden können.

Scheitert hingegen im Begutachtungsprozess die Suche nach einvernehmlichen Konfliktlösungen (die ggfs. auch nur in Teilbereichen der Aufgabenstellung erfolgreich sein können), besteht die vollständige Erhebungsbasis, um dann dem Gericht ein entscheidungs­orientiertes Gutachten fachgerecht und nachvollziehbar vorlegen zu können.

In Fachbeiträgen wird diskutiert, dass seitens des Gerichts die Einigungsbereitschaft der Eltern gefördert werden kann, indem der Beweisbeschluss sinngemäß mit folgendem Zusatz versehen wird: Für den Fall des Scheiterns dieses Einigungsversuchs soll der Sachverständige ein schriftliches Gutachten vorlegen, aus dem sich auch ergibt, woran die einvernehmliche Regelung gescheitert ist.

Einige Gerichte haben signalisiert, auch zukünftig mit der Vergabe lösungsorientierter Gutachtenaufträge zurückhaltend sein zu wollen. Falls in diesem Sinne ein „konventioneller“ Beweisbeschluss vorliegt, sich im Einzelfall während der Begutachtung jedoch Lösungsperspektiven ergeben, werden wir von unserer Seite an das Gericht mit der Anregung herantreten, den Gutachten­auftrag um die Lösungsorientierung zu erweitern. Ein Handeln „auf eigene Faust“ ist dem Sachverständigen verwehrt.

Maßgabe für unsere Tätigkeit stellt nach wie vor das Kindeswohl dar – dieses gibt den „Verhandlungskorridor“ für lösungsorientierte Maßnahmen vor. In Verfahren nach § 1666 BGB wird dieser Umstand ganz besonders deutlich – hier wird sich nicht selten im Rahmen der diagnostischen Phase abzeichnen, dass lösungs- bzw. ressourcenorientierte Ansätze nur begrenzt umsetzbar sind oder aber schon ausgeschöpft wurden. Ggf. ist auch das Kindeswohl derartig grenzwertig belastet, dass schnelle Interventionen, dann auch gegen den Widerstand der Eltern, empfohlen werden müssen.

Leitung

Dipl.-Psych. Dr. Carsten Unger

Dipl.-Psych. Henrike Dierks

Dipl.-Psych. Karsten Hundertmark

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