Institut für gerichtspsychologische Gutachten

Arbeitsbereiche

Alleiniges vs. gemeinsames Sorgerecht

Nach der Kindschaftsrechtsreform von Juli 1998 sind die Gutachtenaufträge zu der Frage, ob die gemeinsame elterliche Sorge in die alleinige eines Elternteils überführt werden solle, sprunghaft angestiegen. Nach einer Phase anfänglicher Rechtsunsicherheit stellte der BGH mit seiner Entscheidung vom 29.09.99 klar, dass kein Regel-Ausnahme-Verhältnis besteht in dem Sinne, dass eine Priorität zugunsten der elterlichen Sorge bestehe und die Alleinsorge nur als ultima ratio in Betracht kommt. Dieser Beschluss zeigt auch Auswirkungen auf das diagnostische Handeln der als Sachverständige tätigen Diplom-Psychologen, denn die in den Untersuchungsfragen jedes Gutachtens eingehende Entscheidungsschwelle wurde deutlicher profiliert. Es muss nicht erst eine Belastung des Kindeswohls nachgewiesen werden, bevor die Grenze erreicht scheint, das gemeinsame in ein alleiniges Sorgerecht zu überführen. Vielmehr gilt hier schon die für ein Kind günstigere Regelung als die „Besser-Variante“.

Allerdings muss tatsächlich nachvollziehbar gemacht werden, warum im Detail die Alleinsorge die für das Kind bessere Lebens- und Entwicklungsbedingungen bietet. Konflikte zwischen den Eltern per se reichen hier als Empfehlungsbasis nicht aus. Vielmehr muss in jedem Einzelfall belegt sein, dass dieses Konfliktgeschehen das Kindeswohl berührt und diese Belastung für das Kind durch eine Alleinsorge gemindert werden könnte. Dieses wäre bei Meinungsverschiedenheiten über den Umfang der Umgangsregelung nicht unbedingt, sicherlich aber wohl bei ständigen Divergenzen der Eltern beispielsweise hinsichtlich der Gesundheitssorge, einhergehend mit doppelten Arztbesuchen etc., der Fall.

Es muss ebenfalls geprüft werden, ob nicht schon eine Übertragung von einzelnen Teilen des Sorgerechts (z. B. des Aufenthaltsbestimmungsrechts bei streitigem Lebensmittelpunkt) ausreichen würde, die für ein Kind in Anbetracht der gegebenen Rahmenbedingungen günstigsten Voraussetzungen für seine weitere Entwicklung zu schaffen.

Lebensmittelpunkt

Die Frage nach dem zukünftigen Lebensmittelpunkt eines Kindes stellt sicherlich neben dem Verfahren zur Umgangsregelung die häufigste gerichtliche Fragestellung an den familienpsychologischen Sachverständigen dar. Übersetzt in psychodiagnostisches Handeln („Operationalisierung“) sind hier verschiedene Entscheidungskriterien abzuklären und zu gewichten. Hierzu wird der Entwicklungsstand des Kindes (besteht besonderer Förderungsbedarf?), seine emotionalen Bindungen an die Elternteile und Geschwister, die vom Kind gezeigte emotionale Tendenz bzw. sein geäußerter Wille, Kontinuitätsüberlegungen und die Frage nach der Erziehungs- und Förderkompetenz der Elternteile erhoben.

Der häufig intensiv ausgetragene Streit darüber, wer Hauptbetreuender sein solle und wer Umgangsberechtigter (Stichwort: „Besuchspapa“) relativiert sich zunehmend angesichts der gesellschaftlichen Realität, dass nicht selten beide Elternteile berufstätig sind. Zudem bewerten mehr Väter als früher die mit einem Kind verbrachte Zeit auch in alltäglichen Bezügen als bedeutsamen und bereichernden Lebensinhalt. Die obige Fragestellung kann daher anders und ggf. weniger streitträchtig gefasst werden: Wie soll das Kind in Zukunft betreut werden? Oder noch mehr auf den Punkt gebracht: Wie soll die zukünftige Betreuungsverantwortung zwischen den Eltern verteilt werden? Hierbei ist der Ansatz, die vorhandenen Betreuungsressourcen der Eltern möglichst umfangreich und flexibel für das Kind zu nutzen. Es liegt auf der Hand, dass derartige Modelle in der Regel auf den Rahmen des gemeinsamen Sorgerechts angewiesen sind, um umgesetzt werden zu können.

Aus psychologischer Sichtweise bleibt einerseits zu prüfen, ob die elterliche Interaktion ausreichend funktional ist, um die Belange des Kindes zu wahren. Aus dem weitgehenden Nutzen der Betreuungsmöglichkeiten beider Eltern ergeben sich nicht nur Vorteile, sondern ggf. auch Belastungen für ein Kind, die im sog. Wechselmodell (in etwa hälftige Betreuung durch beide Eltern im Wechsel) besonders hervortreten können. Zwar kann das Kind in großem Umfang mit beiden Elternteilen zusammen sein und auch den Alltag mit diesen teilen. Auf der anderen Seite hat es aber seinen eindeutigen Lebensmittelpunkt verloren. Insofern ist in einem psychologischen Gutachten zu klären, ob ein bestimmtes Kind individuell in der Lage ist, die spezifischen Belastungen des ins Auge gefassten Betreuungsmodells zu kompensieren. Hier wird auch die Frage zu beantworten sein, ob der Kindeswille, der nicht selten auf eine exakte „Gleichbehandlung“ beider Eltern abstellt, tatsächlich langfristig mit dem Kindeswohl vereinbar ist.

Umgangsregelung

Sowohl aus kinderpsychologischer Perspektive als auch nach der bestehenden Gesetzeslage hat jedes Kind grundsätzlich ein Anrecht darauf, zu beiden Elternteilen eine eigene Beziehung zu gestalten. Dieses kindliche Grundrecht ist ein wesentlicher Baustein für eine angemessene Entwicklung seiner Persönlichkeit und besteht unabhängig von dem Verlauf der partnerschaftlichen Beziehung der Elternteile untereinander, weil Eltern-Kind-Beziehungen in der Regel über die Dauer der elterlichen Partnerschaft fortbestehen und über den gesamten Lebenslauf des Kindes bedeutsam sein können.

Scheitert eine Partnerschaft, gibt es in der Folge recht häufig Umgangskonflikte zwischen den Elternteilen, die ihre Ursache nicht selten in noch nicht ausreichend aufgearbeiteten Konflikten zwischen den Eltern haben, welche letztlich auch ausschlaggebend für die Trennung waren. So kann es Eltern teilweise schwer fallen, den Wert eines persönlichen Umgangs ihres Kindes mit dem getrennten Partner zu verinnerlichen und somit anzuerkennen, wenn sie sich selbst von diesem verletzt, gedemütigt oder ausgenutzt fühlen. Diese Konflikte sind teilweise so verhärtet, dass das Familiengericht aufgefordert wird, eine richterliche Entscheidung bezüglich einer Umgangsregelung herbeizuführen.

Eine reine Status-quo-Diagnostik des Konfliktes durch die sachverständigen Diplom-Psychologen hilft den Betroffenen oftmals wenig, da diese zwar die Ursachen aufzeigen kann, jedoch keine Veränderung der konfliktträchtigen Situation herbeiführt. Der Sachverständige kann die Aufgabe übernehmen, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Beziehungen der Beteiligten zum Positiven gestaltet werden können. Hierzu gehören auch konkrete Handlungsanleitungen und Erprobungen, die innerhalb der Begutachtungsphase stattfinden, um die Frage des Gerichts nach einem dem Kindeswohl förderlichen Umgang zu beantworten.

Hierbei berücksichtigen wir vor allem den Entwicklungsstand und das Persönlichkeitsbild des Kindes, die Bindungen des Kindes an seine jeweiligen Elternteile und Geschwister, den Willen bzw. die emotionale Tendenz des Kindes, die elterliche Beziehungsgestaltung, die Förderkompetenz des Umgangsberechtigten  wie auch die Bindungstoleranz des hauptbetreuenden Elternteils.

Verfahren nach §1666 BGB

Das Jugendamt erhält mitunter von Dritten (Kindergärten, Schulen oder anderen Außenbeobachtern) eine Meldung über eine Kindeswohlgefährdung durch eine möglicherweise unzureichende Ausübung der elterlichen Sorge. Es kann sich nach eigenen Ermittlungen oder ggf. fehlgeschlagenen Unterstützungsversuchen an das Familiengericht wenden, um überprüfen zu lassen, ob ein teilweiser oder vollständiger Entzug der elterlichen Sorge notwendig ist. Bestehen seitens des Gerichts Zweifel, ob das Sorgerecht von einem oder beiden Elternteilen in einer nicht das Kindeswohl gefährdenden Art und Weise ausgeübt werden kann, wird ein psychologisches Gutachten in Auftrag gegeben. Hierbei ist zu prüfen, ob die Erziehungsfähigkeit einer oder beider Elternteile derartig eingeschränkt ist, dass die elterliche Sorge entzogen oder eingeschränkt werden muss, oder ob so genannte „mildere Maßnahmen“ in Betracht kommen.

Um dieses festzustellen wird im Rahmen der gutachterlichen Untersuchungen zunächst geprüft, ob die kindlichen Bewältigungsressourcen unter der bisherigen Ausübung der elterlichen Sorge überfordert worden sind, also ob das Kind ggf. psychische oder physische Auffälligkeiten zeigt.

Hinsichtlich der Persönlichkeit der Elternteile analysieren wir, ob diese mittelbar oder unmittelbar an einer Entwicklungsstörung im Sinne einer Kindeswohlgefährdung in der Vergangenheit oder gegenwärtig beteiligt sind, ob die Elternteile in der Lage sind, die Geschehnisse aus der Vergangenheit angemessen zu bewerten, eine Eigenbeteiligung zu erkennen und ob diese in der Lage sind, zuverlässig ambulante oder, falls notwendig, stationäre Hilfen von Dritten anzunehmen.

Sind bei den Elternteile Ressourcen in deren Erziehungsfähigkeit vorhanden bzw. erscheinen diese entwicklungsfähig, erarbeiten wir in enger Zusammenarbeit mit den Sozialen Diensten und anderen an dem Prozess Beteiligten Modelle zur Unterstützung durch ambulante Hilfen, um eine Fremdunterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie oder in einer stationären Einrichtung möglichst zu vermeiden.

In der Summe geht es also darum, die auf Seiten des Kindes und der Eltern vorliegenden Risikofaktoren zu ermitteln und diese mit den vorhandenen Resilienzen (Schutzfaktoren) zu gewichten. Ebenfalls muss im Sinne einer Prognose bewertet werden, ob die in der Vergangenheit aufgetretenen Risikofaktoren zukünftig fortbestehen oder aber durch entsprechende Interventionen in ihren Auswirkungen gemindert oder kompensiert werden können.

Rückführung nach Fremdunterbringung

Ein Verfahren zur Prüfung der Frage, ob der Wechsel eines Kindes aus der Pflegefamilie zurück in die Betreuung der Herkunftsfamilie seinem Wohl entspricht, stellt einen nicht seltenen Sonderfall der Anwendung des §1666 BGB dar. Im diagnostischen Vorgehen sind hier zwei Prüfebenen zu unterscheiden. Zum einen ist die Frage zu untersuchen, ob der die Hauptbetreuung beantragende Elternteil über eine ausreichende Erziehungsfähigkeit verfügt. Zum anderen wird geprüft, ob die Herausnahme des Kindes aus dem Pflegeverhältnis Gefährdungsmomente beinhalten könnte. Dies wird besonders dann zu bejahen sein – und zwar unabhängig von der Eignung des die Rückführung begehrenden Elternteil – wenn das Kind zwischenzeitig bedeutsame emotionale Bindungen an die Pflegeperson(en) entwickelt hat. Eine Herausnahme würde sodann bei dem Kind, welches ohnehin im Bereich der Bindungen vorgeschädigt ist und damit eine erhöhte Vulnerabilität aufweist, erneut ein Trennungserlebnis und damit erhebliche Entwicklungsrisiken auslösen. Andererseits kann eine Rückführung auch nach einem jahrelangen Pflegeverhältnis letztlich nicht verwehrt werden, wenn die Erziehungseignung des leiblichen Elternteils belegt ist (auch durch längeres besuchsweises Zusammensein mit dem Kind) und der kindliche Wille ebenfalls in diese Richtung geht. Hier muss jedoch geprüft werden, ob die kindlichen Wunschäußerungen tatsächlich auf eigenen Erfahrungen und Bewertungen beruhen oder ob in erheblicher, das Kind unter Druck setzender Weise Fremdsuggestion vorliegt.

Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen

Liegt ein Verdacht eines sexuellen Missbrauchs aufgrund der Äußerungen eines Kindes vor und wird dieser zur Strafanzeige gebracht, stellt sich der Staatsanwaltschaft oder den Gerichten häufig die Frage nach der Glaubhaftigkeit von kindlichen Zeugenaussagen, um u.A. die Frage des „Missbrauchs des Missbrauchs“ zu prüfen. Um diese Fragestellung fachpsychologisch zu beantworten werden wir von den Gerichten und der Staatsanwaltschaft beauftragt, gutachterlich tätig zu werden. Bei unserem Vorgehen, dass sich nach den Vorgaben des BGH – Urteils vom 30.07.1999 zur Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen richtet, erscheinen zunächst die Rahmenbindungen, unter welchen die Erstaussage und weitere Aussagen wem gegenüber erfolgt wichtig, um zu prüfen, ob diese Aussage(n) frei von wesentlichen Störung bspw. durch massive Suggestionen Dritter erfolgte. (Aussage­ent­stehungs­geschichte)

Insbesondere bei sehr jungen Zeuginnen und Zeugen hat sich die Anwesenheit von sachverständigen Diplom-Psychologen bereits bei der polizeilichen Vernehmung bewährt, wenn absehbar ist, dass eine spätere Begutachtung der Glaubhaftigkeit der Zeugenaussage notwendig wird, damit in den späteren Untersuchungen mit dem Kind gemeinsam an diese Situation angeknüpft werden kann und somit erreicht wird, dass der Sachverständige unmittelbar an die Vernehmung anknüpfen kann und nicht auf die Aussagen des Kindes nach Aktenlage angewiesen ist.

Die psychologischen Untersuchungen (Explorationen) erfolgen in alters- und kindgerechter Art und Weise. Bei der ersten Untersuchung, welche insbesondere bei jüngeren Kindern in üblicherweise deren vertrauten Umgebung stattfindet, wird u.A. durch Spielsequenzen und fallneutrale Themen versucht, die innerpsychische Situation des Kindes zu verstehen und eine emotional tragfähige Beziehung herzustellen, um den Boden für eine Aussage über den Verdacht des sexuellen Missbrauchs zu bereiten. Die eigentliche Exploration erfolgt dann in der Regel videodokumentiert im IGG um den Zeuginnen und Zeugen einen neutralen und schützenden Raum für eine solche teilweise hochgradig psychisch belastende Aussage zu bieten.

Nach den psychologischen Explorationen wird ein aussagepsychologischer Befund erstellt, welcher zunächst die allgemeine Grundvoraussetzungen von Zeugen prüft, eine solche Aussage zu tätigen (Zeugentüchtigkeit). Auch die Entstehung der Aussage und die Motivlage von Zeugen werden analysiert, um in einem weiteren Schritt eine kriterienorientierte Aussageanalyse vorzunehmen. Diese umfasst die allgemeinen Merkmale, spezielle Inhalte, inhaltliche Besonderheiten, motivationsbezogene Inhalte und deliktspezifische Inhalte von Aussagen.

In einem letzten Schritt wird dann geprüft, ob die Hypothese (H1), dass die wesentlichen Inhalte der Aussage auf einem realen Erlebnishin­tergrund basieren, mit einem größeren Grad an Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, als die zuvor gebildeten Alternativhypothesen (H0), dass die Aussage auf keinen realen Erlebnishintergrund basiert.

Leitung

Dipl.-Psych. Dr. Carsten Unger

Dipl.-Psych. Henrike Dierks

Dipl.-Psych. Karsten Hundertmark

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